Sanierungsjubiläum verhagelt

Ein spürbarer Wandel – Stadtentwickler feiern – MieterInnen trauern! Ausstellungseröffnung zum Sanierungsgebiet Teutoburger Platz verhagelt.
Heute sollte gefeiert werden – 18 Jahre lang wurde die bauliche Modernisierung im Sanierungsgebiet Teutoburger Platz gefördert, so wie auch in anderen Gebieten drum herum. Das Ergebnis kennen wir: Ein vollkommen umgekrempelter Kiez, der zu den teuersten Gegenden der Stadt zählt. Nun war man zusammengekommen, vor allem all jene die von der Sanierungskulisse gelebt und solche die sich politisch damit ins Rampenlicht gestellt hatten.
„Sanierungsgebiete lohnen sich und sind ein erfolgreiches Instrument der Stadtentwicklung. Das ist am Teutoburger Platz im Prenzlauer Berg spürbar, aber auch an anderen Orten in Berlin. Unter dem Einfluss verschiedener Förderkulissen nimmt die Stadtentwicklung Geschwindigkeit auf(…)

So lauten die Begrüssungsworte in der Einladung von Michael Müller, Senator für Stadtentwicklung und Umwelt in Berlin anlässlich der Fertigstellung des Sanierungsgebietes Teutoburger Platz.
Wahrlich ein denkwürdiger Tag, denn mit der förmlichen Festlegung 1994 des Sanierungsgebietes Teutoburger Platz als Teil der ersten Gesamtberliner Stadterneuerungsprogramms begann die Städtebauliche Veränderung Berlins.
Im Rahmen dieses Jubiläums zeigt eine Fotoausstellung die Ergebnisse aus 18 Jahren Stadtentwicklung.
Grossformatige Exponate von 1994- 2013 machen nachvollziehbar, wie ein authentisch gewachsener Kiez zum rausgeputzten und durch-konzepierten Bezirk für Wohlverdiener wird.
Senator Müller kann nur zugestimmt werden:
Das Sanierungsgebiet hat sich gelohnt und zwar so richtig! Es fragt sich nur für wen?!

Das die früheren BewohnerInnen aber nicht einfach wohlhabender geworden sind, sondern überwiegend der Gentrifizierung des Stadtteils und den Plänen der davon profitierenden Immobilienverwerter weichen mussten, daran erinnerte zu Beginn der Ausstellungseröffnung ein Auftritt, den die Veranstalter nicht erwartet hatten.
Etwa 20 MieterInnen aus der Nachbarschaft verwandelten die Jubel-Veranstaltung kurzerhand in eine Trauerfeier.
Ein Kranz wurde abgelegt, dazu Grabblumen und -kerzen.
Schilder erklärten der sichtlich irritierten Zuhörerschaft, um wen und was zu trauern sei: Die zahlreichen verdrängten NachbarInnen und die vielen verloren gegangenen sozialen Orte, die dem Aufwertungsdruck nicht hatten Stand halten können. Eine Traueransprache wurde ebenfalls gehalten, die wir im Folgenden wiedergeben wollen:

„Liebe Trauergemeinde! Werte Trauergäste!

Wir alle sind an diesem Freitag, einem 13., an diesem Ort
zusammengekommen, um vom Sanierungsgebiet Teutoburger Platz endgültig Abschied zu nehmen. Die Häuser sind zwar geblieben, aber die Menschen, die diese Häuser bewohnten und sie mit Leben füllten, sind von uns gegangen.
Wir trauern heute um ganz Pankow und Prenzlauer Berg: Um Mieterinnen und Mieter, die nichts mehr zu beißen haben, weil sie jetzt so viel für die Miete zahlen müssen.
Um verdrängte und traumatisierte Einwohner, die ihre Wohnungen aufgeben mussten, weil sie die Schikanen der neuen Eigentümer nicht mehr ertrugen. Um Alte, Arme und Arbeitslose, die weggezogen sind, weil in diesem Bezirk nur Menschen mit Geld willkommen sind.
Darüber hinaus gedenken wir auch: der freien, unverbauten Flächen, der sozialen Infrastruktur, Jugendeinrichtungen, Clubs, Kneipen, Läden – die Platz für Biosupermärkte, Jogastudios, Edelrestaurants und Markenboutiquen machen mussten.
Es ist nun an der Zeit, all diese Menschen und Einrichtungen zu verabschieden.
Tun Sie das bitte jetzt – im Hören wie im Schweigen und in aller Traurigkeit.

Meine lieben Trauergäste, der Leichenschmaus ist hiermit eröffnet.“

Nach dieser Rede wird auch den Zuhörern in der letzten Reihe deutlich, dass es nichts zu feiern gibt.
Daran konnten selbst die respektlosen Zwischenrufe des pankower Bezirksstadtrats für Stadtentwicklung Jens- Holger Kirchner (Grüne) wie: “ Na und!“ und „Wen störts!“ nichts ändern.
Der Baustadtrat, seit Wochen in Wahlkampfstimmung, war sichtlich sauer darüber, dass ihm die Selbstdarstellungsshow verhagelt worden war.

Nachdem die Tauergemeinde wortlos den Ausstellungsraum verlassen hatte, ist den restlichen Besuchern die Feierlaune vergangen.
Angeregt von der kreativen Aktion, melden sich andere kritische Stimmen zu Wort und es entsteht eine kontroverse Diskussion über Stadtentwicklung und Sanierungsprogramme.

Die kleine feine Aktion hat den Standpunkt der widerständigen Bewohnerschaft deutlich gemacht und einen schalen Nachgeschmack bei den Besuchern und den Verantwortlichen hinterlassen.

Wir wünschen eine guten Appetit beim Leichenschmaus, auf das den Akteuren dieser Unternehmung ihr Profit im Halse stecken bleibt.

Für eine Stadtpolitik von unten
Die BewohnerInnen

Links:

> http://www.leute-am-teute.de/2013/08/13/ausstellung-sanierungsgebiet-teu… [2]
> http://www.leute-am-teute.de/2013/09/13/muenchner-investor-kauft-kaisers… [3]
> stadtentwicklung.berlin.de/aktuell/kalender/kalender_detail.php?date=09-2013&selection=tag&selection_start=13&id=3607 [4]
> berlin.de/ba-pankow/presse/archiv/20130911.1035.389118.html [5]
> aedes-arc.de/sixcms/detail.php?id=10375337&template_id=1798